killerwachteln

Killerwachteln - eine Kurzgeschichte nach einer wahren Begebenheit (*hüstel* Inspiration ist alles), entstanden Anfang 2003

Es ist halb elf Uhr an einem sonnigen Sonntagmorgen. Sie sieht, wie ihr Wachtelweib seltsam dick aufgeplustert auf ihrem Gelege sitzt. Heute ist errechneter Schlupftag der Jungen, aber ob dies und die seltsam aufgeplusterte Wachtel verlässliche Anzeichen dafür sind, dass es tatsächlich soweit ist?
Eine Stunde später ist klar, dass es tatsächlich soweit ist. Es sind sechs kleine Wachteln geschlüpft. Seltsam, wo sie doch, damit die Platzverhältnisse in ihrer Voliere nicht zu beengt werden, nur vier Eier nicht angestochen, also – eigentlich - unfruchtbar gemacht hatte. Sie schob es auf einen glücklichen Zufall der Natur.
Auch schob sie es auf einen glücklichen Zufall der Natur, dass, obwohl beide Wachteleltern wildfarbig, also dunkelbraun, waren, zwei der Wachtelküken weiß waren. Ein absolut unwahrscheinlicher Einzelfall. Aber in der Natur ist ja alles möglich.
Die Wachtelküken, flauschig, weich und niedlich, wie nur Tierkinder es sein können, entwickelten sich prächtig. Schon am Ende ihres ersten Lebenstages liefen sie munter herum. Immer darauf bedacht, sich gegenseitig nicht aus den Augen zu verlieren.
Die ersten zwei Lebenswochen der Wachtelkinder verliefen relativ ereignislos und ruhig. Sie wuchsen und gediehen prächtig. An ihrem elften Lebenstag konnte man sogar schon erste Flügelfedern durchbrechen sehen.

Ungefähr zu diesem Zeitpunkt fiel ihr auf, dass die jungen Wachteln, wenn sie schnell und zielstrebig ein Ziel in der Voliere ins Auge gefasst hatten und zügig liefen, aussahen wie kleine Raptoren, die aus einem schlechtem Remake des Films „Jurassic Park“ zu stammen schienen.
Sie fand es niedlich und in höchstem Maße wunderlich, dass ihr gerade dieser Vergleich eingefallen war. Sie hätte genauso gut sagen können, dass die Kleinen mit ihren beim Laufen abgespreizten Flügeln aussahen wie schnelle Pinguine. Aber nein, gerade die Raptoren waren ihr zuerst in den Sinn gekommen.
Und kurz nach diesem Ereignis sah sie das erste Mal, wie sich die Kleinen unterschiedlich entwickelten. Die Weißen bekammen schöne, gut befiederte Flügel, die bei größeren Sprüngen schon gut trugen. Die wildfarbigen Küken hingegen sahen immer noch genauso aus wie in ihren ersten Lebenstagen, nur ein wenig größer. Aber darüber braucht man sich schließlich keine Sorgen zu machen, wir entwickeln uns alle unterschiedlich schnell.

So verstrichen mehrere Tage. Beiläufig sah sie, dass die Küken keine Rückenfedern hatten, dachte sich aber, das wäre eine normale Entwicklung durch die Jugendmauser und vergaß es wieder.
Dann jedoch sah sie, dass die Wildfarbenen immer noch keine Flügelfedern bekamen, und beobachtete sie genauer. Auch die Weißen hatten nun keine Rückenfedern mehr, und eines der weißen Küken hatte nur noch einen befiederten Flügel. Seltsam.
Es kam ihr allerdings nicht mehr seltsam vor, als sie sah, wie die jungen Wachteln, inzwischen immer losgelöster von Mama und Papa und vorwiegend im Trupp anzutreffen, sich gegenseitig rupften. Besser, die Weißen rupften die Wildfarbenen.
Es kam aber noch besser.
Sie rupften auch andere, kleinere, ebenfalls bodenbewohnende Vögel.
Beziehungsweise jagten sie einen der Vögel bis zum Tode, sodass sie die verbliebenen Kleinen separieren musste. Natürlich machte sie sich Vorwürfe und verwünschte die Wachteln.
Aber, so kennen wir sie mittlerweile, handeln tat sie nicht. Sie ließ die Wachteln weiter in der Voliere, dachte zunächst noch, das Rupfen wäre auf einen Kalkmangel zurückzuführen, weshalb sie ihnen eine Zeit lang Kalkpulver gab.

Erst, als nach drei weiteren Tagen kein einziger Vogel ihrer Voliere mehr zwitscherte, weil die, die noch nicht totgebissen worden waren, sich nicht mehr trauten, sich zu rühren, beschloss sie, den verdammten Viechern den Hals umzudrehen.
Sie kniete sich vor die Voliere, öffnete die Klappe und angelte mit dem Kescher in Richtung der Wachteln, so, wie sie es schon viele Male getan hatte, wenn sie einen Vogel hatte fangen wollen.
Die größte weiße Wachtel jedoch, als einzige voll befiedert – wahrhaftig ein wunderschönes Tier, das auf jeder Ausstellung alle Preise gewonnen hätte, umgeben von einer zerlumpt aussehenden Schar mickriger bräunlicher Wachteln, die von der zweiten, kleineren weißen Wachtel – die, die nur einen befiederten Flügel hatte – in Schach gehalten wurden, sah sie aus ihren schwarzen, kleinen Wachtelaugen furchtlos an, bevor sie gemessenen Schrittes auf ihre Hand zu hielt. Ach, was kann eine Wachtel schon ausrichten, dachte sie noch, und wollte sie mit der bloßen Hand greifen.
Was ihr gar nicht gut bekam.

Die Wachteln verließen ohne Hast die Voliere und dann das Haus. Unterwegs begegnete ihnen Frau Weber mit ihrer scheußlich gefleckten Niki. Von der auch nicht viel übrig blieb.
Der Wachteltrupp zog langsam die Straße herunter. Hinter sich ließen sie Chaos und Verwüstung, und wer ihnen nicht entkam, – und das war schwierig, denn wir erinnern uns an den Vergleich mit den Raptoren – mit dem wurde kurzer Prozess gemacht.


Wenige Stunden später beherrschten die Wachteln die Themen in Funk und Fernsehen. Live-Berichte allerdings gab es wenige von den Orten des Grauens.
Auch auf die Helikopter-Übertragung musste nach Kurzen verzichtet werden, da die kleinere weiße Wachtel, trotz ihrer Behinderung sehr behende, gezielt die Piloten anflog.
Glückicherweis erwiesen sich unsere Freunde, die Amerikaner, als Retter in der Not, als Bewahrer vor der Auslöschung des europäischen Volkes durch fünf – eine der Wachteln war im Nestlingsalter auf der Strecke geblieben – Wachteln.
Kurzerhand schickte uns George W. Bush ein atom-bewaffnetes Kampfgeschwader, das halb Europa dem Erdboden gleichmachte. Die Gefahr, dass die Plage über den großen Teich schwappen könne, war gebannt. Noch einmal Glück gehabt.



Dabei hatte der gute George aber nicht bedacht, dass Saddam die Geschwister unseres Unglückswachtelelternpärchens in seinem Besitz hatte und gut versorgte und umhegte...

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