krakau2008

 

Kurztrip Krakau 15.-18.2.2008

 

15.2.

Mitte Februar nach Polen zu fahren, ist eine ziemlich bescheuerte Idee. Italien oder Spanien sollen ja auch sehr schön sein.

Wie ich auf die Idee verfallen bin, ausgerechnet jetzt ausgerechnet hier hin zu fahren, weiß ich nicht mehr.

Von der bangen Beobachtung der Wettervorhersage in den letzten Tagen vor der Abreise wurde meine Laune jedoch nicht besser. Lt. wetter.com sollte es sehr kalt und bewölkt sein, und schneien sollte es auch.

Sollte? Sollte es nicht! Finde ich zumindest. Tut es aber.

 

Meine Flugpremiere hatte ich in einem Canadair Regional Jet CRJ200, der über 54 Sitzplätze verfügt, von denen aber nur die Hälfte belegt war (dies zur Güte der Idee, jetzt nach Polen zu fahren).

Dank meiner kompletten in-Polen-wird-es-gar-schrecklich-kalt-sein-Montur verbrachte ich den Flug mit der Überlegung, mir die Kleider vom Leibe zu reißen, konnte mich jedoch noch gerade beherrschen.

 

Das Umsteigen in Warschau war eine Katastrophe und das nationale Terminal nicht ausgeschildert, weder in Englisch noch in Polnisch.

Vor dem internationalen Terminal geht es linker Hand eine kleine Treppe hinab, dann rechts um die Ecke und dann ist man auch schon da – eine wertvolle Information, wie ich finde, Nichteinheimischen wollte man diese allerdings offenbar nicht so leicht zugänglich machen.

Der Weiterflug mit dem Turboprop war ebenso unspektakulär, bloß war dieses Mal die Innentemperatur eher zu meiner Bekleidung passend.

Am Krakauer Flughafen wartete ich bangen Herzens auf meinen Rucksack, aber welch Wunder, er hat tatsächlich auch den Weg hierher gefunden.

 

Guter Hoffnung lief ich ab dem Ausgang einfach los in die einzige Richtung, die nach Leben aussah – beschildert war nix. Trotzdem traf ich nur wenige Minuten später am internationalen Terminal ein, vor dem auch schon der Shuttle-Bus zum Bahnhof wartete. Den konnte ich aber noch nicht erklimmen, denn ich musste erst noch Geld holen.

Ein paar Minuten später hatte ich frische Zlotys, aber der Bus war natürlich weg. Der nächste fuhr eine knappe halbe Stunde später.

Mein Gesicht war relativ lang, als ich eine halbe Stunde und 60 Sekunden später feststellte, dass die Busfahrtsrecke durchaus zu Fuß bewältigbar gewesen wäre und ich dann sogar noch den früheren Schienenbus nach Krakau erwischt hätte. Egal.

 

Die Fahrt mit dem Schienenbus nach Krakau kostet sechs Zloty und ist jeden Einzelnen davon wert. Die Schienen sowie das Fahrwerk erzeugen in abenteuerlicher Art und Weise ein unvergessliches Fahrerlebnis, das durch die glatten Plastikbänke ohne jeglichen Seitenhalt zu einem stimmigen Gesamtbild abgerundet wird. Nur Kirmes ist schöner.

An der richtigen Seite aus dem Bahnhof herauszufinden, war dank meiner mittlerweile exzellenten Polnischkenntnisse ein Leichtes. Auch, das Hostel zu finden, war ein Kinderspiel. Der Fairness halber muss ich zugeben, dass ich an dieser Stelle nicht damit gerechnet habe, plötzlich davor zu stehen, ich wäre noch ein paar Straßen weiter gelaufen.

Ich habe ein 11-Bett-Zimmer mit einem riesigen Bad für mich allein (Schlafsäle haben durchaus was für sich, wenn die Mitbewohner fehlen!). Die ganze Herberge macht einen guten Eindruck, allerdings bin ich froh, den Fleeceschlafsack mitgenommen zu haben, denn mit dem albernen Deckchen hier hätte ich keine gute Nacht.

 

Gleich muss ich mal an der Rezeption (die Keule konnte übrigens auf dem Anmeldebogen meine Schrift nicht lesen – Unverschämtheit!) fragen, ob die hier auch Handtücher verleihen, sonst bin ich nämlich in die Futt gekniffen.

 

später am Abend

satt und betrunken.

Handtuch habe ich nach etwas Gequatsche bekommen, die gibt’s nämlich eigentlich nicht in den Mehrbettzimmern.

Krakau macht einen wirklich schönen Eindruck. Und je mehr Schnee liegt, desto leichter fällt das Laufen, dann ist es nämlich nicht mehr so glatt.

Ich bin jetzt sehr müde. Sowohl Pizza als auch Bier waren vorzüglich.

 

16.2.

„It is true that liberty is precious – so precious it has to be rationed.“

 

Das Goodbye-Lenin-Hostel in Krakau ist in einer echt fiesen Ecke. Da wäre ich im Leben nicht lang gelaufen, wenn ich nicht vorher im Internet die Herberge rausgesucht hätte.

Wie auch im City Hostel besteht das Personal aus jungen Mädels, die allesamt sehr gut Englisch sprechen. Meine Zimmernachbarn sprechen glaube ich auch Englisch. Allerdings kann einer von ihnen ein bisschen Deutsch, und das will er unbedingt an mir ausprobieren, auch wenn ich höchstens die Hälfte von dem verstehe, was er versucht mir zu sagen. Die bisherige Unterhaltung verlief recht schleppend. Ich weiß nur, dass sie aus Breslau kommen und dass die Freundin des Einbisschendeutschkönnenden gerade fertigstudiert hat. Womit ich meine Brötchen verdiene, haben sie nicht verstanden; ich habe es auf Deutsch und auf Englisch versucht, aber entweder gibt es in Polen keine Versicherungsvertreter oder sie waren zu höflich, um zu verstehen was ich meine. Jetzt sind die Vier in einer Disco im angesagten Partyviertel Kazimierz, an dessen Rand das Hostel steht.

 

Ich bin heute auch durch Kazimierz, das ehemalige Judenviertel, gelaufen, da war aber zumindest tagsüber total tote Hose.

 

Mittags war ich in der Galeria Krakowska, einem großen Einkaufszentrum direkt am Bahnhof, um mich aufzuwärmen. Habe einen American Bookstore gefunden und mich mit Lektüre versorgt. Dann wollte ich noch aufs Klo und was essen, vor beiden Einrichtungen waren die Schlangen jedoch so lang, dass ich mieser Laune die Flucht ergriff.

 

Ich habe beschlossen, morgen nach Auschwitz zu fahren. Es geht ein Zug um 13:06, dann habe ich etwa 1,5h dort Aufenthalt. Das sollte ja wohl reichen.

 

17.2.

Ich sitze im Zug. Allerdings nicht nach Auschwitz, sondern nach Zakopane. Habe viel über die Berge gehört und beschlossen, dass mir die lieber sind als alte Baracken.

Leider habe ich vorhin gemerkt, dass ich heute morgen vergessen habe, die lange Unterhose anzuziehen. Naja, wird schon so gehen.

Der Ticketkauf war unmöglich. Die Frau am Schalter schwer unfreundlich und wenig hilfsbereit. Ohne die Polin in der Schlange hinter mir, die mich rettete, wäre ich verloren gewesen.

Gestern abend haben die englischen Jugendlichen, die zu Horden das Hostel bevölkern, noch ordentlich randaliert. Ich hatte große Lust, mal ein bisschen auf Englisch zu schimpfen, das habe ich nämlich bisher noch nie gemacht. Ich bin schon ein widerlicher Kauz.

 

Auf dem Weg zum Bahnhof habe ich nocht einen kurzen Rundgang durch die Altstadt gemacht und dabei die Litfaßsäulen-Zigarettenverkäufer fotografiert.

 

später am Tag:

Ich bin in Zakopane nur gute anderthalb Stunden rumgelaufen. Dafür, dass die Hinfahrt fast vier Stunden gedauert hat, hat sich das ja gelohnt. Leider gibt es hier nur Schlepp- und keine Sessellifte, also ist man als Fußgeher echt gekniffen.

Ich weiß nicht, ob Zakopane die lange An- und Abreise wert war. Das Dorf ist durch Abgase von Autos und Häusern (womit auch immer die hier heizen, gesund wird das nicht sein, und auf den Straßen liegt der Ruß) extrem schmutzig und verräuchert. Auf sowas habe ich keine Lust.

Die Holzhäuschen sind nett, aber es ist alles sehr auf den Tourismus ausgerichtet, und so richtig gefällt’s mir hier nicht.

Stattdessen bin ich abseits des Dorfes einen Berg hochgestapft, um erhaben ins Tal blicken zu können. Bin einfach in Falllinie durch den überknöcheltiefen Schnee bergauf gelaufen. Nach etwa 250m in 10min. fühlt man sich sehr lebendig und kalt ist es auch nicht mehr. Außerdem hatte ich für einen Moment das Gefühl, der einzige Mensch auf dieser Erde zu sein, da oben war es echt schön.

 

Mein Fahrkartenkauf war sehr erfolgreich. Ich eröffnete das Gespräch mit „Dzien dobre, do Krakowa, prosze.“, worauf ich einen Wortschwall erntete, auf den ich nur lächelnd die Achseln zucken konnte. Den dann folgenden erneuten Wortschwall unterbrach ich mit erhobenem Daumen und dem Ausruf „Just me!“ und bekam dann auch tatsächlich eine Fahrkarte nach Krakau, die – ich habe nicht damit gerechnet! – genauso viel kostete wie auf dem Hinweg (und ich dachte schon, die schütteln sich die Preise aus dem Ärmel).

Ich fragte noch, von welchem Bahnsteig der Zug fahren würde, und die Tante zeigte sehr deutlich mit Daumen und Zeigefinger eine Zwei.

 

Fünf Minuten später stand ich also an Peron 2 und konnte mich nicht zwischen den beiden dort stehenden Zügen entscheiden. Kurzerhand fragte ich einen Gleisarbeiter (Servicemitarbeiter gibt es glaube ich in Zakopane eher selten), indem ich auf einen der beiden Züge zeigte und fragte „do Krakowa?“. Er ließ sofort einen gewaltigen Wortschwall von sich, den ich aber mit dem Einwurf, ich sei Deutsche, zum einem abrupten Absterben bringen konnte.

Gemeinsam mit seinem Kollegen machte er sich dann daran, herauszufinden, von welchem Bahnsteig denn nun mein Zug fahren würde, funkte irgendwelche klugen Menschen an und wies mich schlussendlich an, durch den linken der beiden Züge hindurchzusteigen, auf der anderen Seite auf das Gleis herabzuspringen und dann auf den Bahnsteig 1 zu klettern (Danke, liebe Fahrkartenverkäuferin, für deine hilfreiche Auskunft).

Ich habe selten so schmutzige Männer mit vor Kälte so tiefroten Gesichtern gesehen. Die beiden werde ich nie vergessen.

Kalt ist es hier wirklich. Vereinzelt tragen die Autos Pappen über dem Kühlergrill. Die Polen tragen Ohrenklappenmützen, die nicht wie meine Münchner Tollwood-Mütze mit Fleece, sondern mit Fell gefüttert sind.

 

noch später:

Mittlerweile sitze ich schon wieder seit drei Stunden im Zug und klammere mich an die Hoffnung, nicht in den falschen Zug in die falsche Richtung eingestiegen zu sein. Ich glaube, wenn ich in einer Stunde feststelle, nicht in Krakau angekommen, zu sein, nehme ich mir ein Taxi, egal was es kostet. Ich habe jetzt genug meditiert (Rüttel-und-Rumpel-Meditation, das Patent melde ich noch an) und würde jetzt gerne mit einem großen Glas Tyskie im Hostel sitzen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Langsam brennt mir der Hintern, und Rückenschmerzen habe ich auch. Lesen kann man während der Rumpelei nicht, außerdem geht in den Bodenwellen immer das Licht aus. Schlafen kann man auch nicht, denn dazu müsste man sich an der Außenwand anlehnen, und da ist es sehr kalt.

 

Am Ende des Tages werde ich für 1,5h Aufenthalt in einem schmutzigen Touri-Dorf fast 8h Zug gefahren sein. Ob sich das gelohnt hat, weiß ich nicht. Mutterseelenallein den größeren Hügel zu besteigen und von dort ins Tal zu schauen war trotzdem ein Erlebnis.

Habe auch festgestellt, dass meine westliche gehetzte Weltsicht den Weg zur wahren Gelassenheit versperrt: statt mich zu ärgern, für insgesamt 200km fast 8h im Zug gesessen zu haben, sollte ich mich freuen, denn für umgerechnet nicht mal 10€ durfte ich 8h rüttelmeditieren.

 

 

18.2.

Gestern abend im Hostel habe ich Clément aus Toulouse kennengelernt, der eine Europareise mit InterRail macht. Darüber wird er dann ein Buch schreiben und vom Verkaufserlös leben und weiterreisen bis an sein Lebensende.

Er spricht kein Wort Polnisch, dafür aber Englisch, zwar unverständlich, aber pausenlos. Ich hatte große Mühe, ihn zu verstehen, musste teilweise dreimal nachfragen und es war mir recht peinlich, so schlecht Englisch zu können.

Später gingen wir an die Bar und trafen Justin aus Liverpool, den ich interessanterweise verstehen konnte, ohne nachzufragen.

Wir stellten uns alle einander vor, bei meinem Namen gab es keine Probleme, dann stellte sich Justin Clément vor, und Clément antwortete: „Clément, that’s French“, worauf Justin vollkommen erschüttert erwiderte, „No, French would be Jüüs-tiiine!“. Die weitere Konversation der beiden war geprägt von großem Vertrauen und Verständnis füreinander, und nach kürzester Zeit wandte sich Clément von den Engländern ab.

Sodann setzten wir uns auf eine Couch und ich ließ mich von ihm zublubbern, verstand höchstens 30% seiner Ausführungen, nickte in den Pausen und labte mich am polnischen Bier, das nicht nur lecker, sondern auch noch günstig und in großer Menge zu haben ist.

Er ist übrigens der erste Mensch, der mich als Deutsche erkannt hat. Er sah mich an und fragte „Ver are you from? Germany? You ’ave German ’aircut!“

Im Laufe des Abends wurde der ambitionierte junge Mann immer zutraulicher. Leider wurde mein Fluchtweg durch die Armlehne rechts von mir versperrt, und als er mir dann gestand, es gäbe ein Vorurteil über die Franzosen, das stimmen würde, und zwar hätten selbige alle eine Schwäche… überkam mich plötzlich die Müdigkeit und nachdem ich ihm noch ein schönes Leben gewünscht hatte, verzog ich mich.

 

Gerade sitze ich am nationalen Terminal des Krakauer Flughafens, und da die Anreise viel problemloser und zügiger geklappt hat als erwartet, habe ich noch zwei Stunden bis zum Abflug.

Hier laufen schon wieder massenweise Großkopferte im Anzug mit Handy am Ohr herum, die ihre Gesprächspartner mit grauenhaftem Polnisch-Englisch quälen und ein großes Wichtig-Bapperl auf der Stirn tragen.

Ich trage den grauen Islandpullover und bin vollkommen unwichtig, ist das schön.

 

Das Wetter heute ist nicht schön. Es ist wärmer geworden (damit komme ich plötzlich nicht mehr klar und schwitze) und es nieselt grauen Schneeregen.

 

 

Nachtrag

Die Flüge waren wieder sehr unspektakulär, das Umsteigen in Warschau nur wenig spektakulär und die Zahl meiner Mitflieger auf dem Flug nach Düsseldorf (sechs) vollkommen unspektakulär.

Insgesamt vier der sieben Passagiere haben sowohl im Terminal als auch im Transferbus als auch im Flugzeug bis kurz vor Abflug telefoniert, eine Deutsche dabei mit langen schwarzen Haaren, durch die sie sich immer wieder affektiert streichen musste und kontrollierte, ob sie auch jeder sieht. Scheinbar hatte sie ein Problem, denn ein Wichtig-Bapperl konnte ich an ihr nicht entdecken.

Wie hat man bloß früher seine dringenden Geschäfte abgewickelt.

 

Am Duisburger Bahnhof habe ich mir, weil der Bus erst in einer halben Stunde fuhr, ein Taxi genommen.

Das war ne alte E-Klasse mit vielen bunten Warnleuchten: die Lampen und die Bremsen funktionierten wohl nicht so, wie sie sollten, außerdem hörte sich der Motor gar nicht gut an, und dass er während der Fahrt ein paar Mal einfach ausging, gehört bei Mercedes wohl auch nicht in die Standardausstattung. Da fragt man sich doch manchmal: ist Deutschland wirklich „weiter“ als Polen?

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