polen2007

Polenurlaub 2007
31.7.-8.8.2007

1.8.
Da fährt man in die Ferne, nur um wie daheim auch Holländer als Nachbarn zu haben. Ich glaube, in den Sommermonaten ist Holland holländerfrei.
Die fahrt mit dem EuroNight-Nachtzug nach Warschau war sehr gut. In meinem Liegenwagenabteil waren schon zwei Mitfahrer: ein junges Pärchen aus Warschau, die eine Europa-Bustour mitgemacht haben, ab Frankfurt/M aber keine Lust mehr auf eine Rückfahrt im Bus verspürten und sich dann für den Nachtzug entschieden.
Die beiden waren sehr nett und so hilfsbereit, dass der große Trolley schneller oben im Gepäckabteil war, als ich gucken bzw. meine Fahrkarte aus ihm herausnehmen konnte.
In Hannover stiegen noch zwei Jungs ein, die mit ihren Fahrrädern von Warschau nach Tallin fahren wollen. Die beiden haben weder Regenklamotten noch Anti-Mückenzeugs dabei – sind die optimistisch oder einfach nur blöd?
Was ich vergessen habe: ein Feuerzeug. War aber mittels Zeichensprache gut von meinen polnischen Nebencampern auszuleihen. Die beiden haben in ihrem Wohnwagen sogar einen Rasenmäher für die Stellplatzpflege dabei, obwohl sie keine Dauercamper sind.
Nun weiter mit der Zugfahrt: um 3:30 überfuhren wir die Grenze und wurden von einem barschen „Passkontrolle!“ und dem jähen Anknipsen des großen Deckenlichtes geweckt.
Zehn Minuten nach diesem liebenswürdigen deutschen Grenzbeamten wurde unsere Abteiltür wiederum geöffnet, nur das kleine Deckenlicht erleuchtet und nun fragte ein freundlich dreinblickender Pole nach unseren Pässen. Habe zwar nicht verstanden, was er sagte, aber es begann mit „Guten Tag“ und schloss mit „Bitte“, insofern war mir der gute Mann schon sehr sympathisch und ich blickte gleich noch optimistischer in meine polnische Urlaubszukunft.

Den Rest der Nacht schliefen wir sehr gut. Der Zug ist sehr leise und sehr gut stoßgedämpft, auch wenn die polnischen Schienen wesentlich ruckeliger sind als die deutschen.
Morgens dann die Überraschung: der polnische Bub zauberte eine Leiter unter dem obersten Bett hervor! Ich möchte nicht wissen, was seine Freundin ihm erzählt hat, wie ungelenk ich ins oberste Bett gekrabbelt war (er war zu dem Zeitpunkt nicht im Abteil).
In Warschau angekommen, fand ich sofort den Ausgang Richtung Aleje Jerozilimskie, und draußen auf der anderen Straßenseite lächelte mich auch schon die Hausnummer 65/79 an, von der ich hoffte, dass sie sowohl das Marriott-Hotel als auch darin die Autovermietung beherbergen würde.
Bloß – wie die Straße überqueren?
Zwischen mir und dem Hotel taten sich je Fahrtrichtung zwei Spuren dichtfließenden Verkehrs und zwischen diesen eine tiefe Schlucht, in der Straßenbahnschienen verlegt wurden, auf. Eine Fußgängerampel oder auch nur ein Überweg war nicht zu finden.
Nach ebenso kurzer wie erfolgloser Suche entschied ich mich dafür, an einer Autokreuzung gemeinsam mit den Autos die Straße zu überqueren, dabei äußerst rechts balancierend, um nicht den wütenden Autofahrern zum Opfer zu fallen.
Im Marriott fiel ich in meiner zugegeben etwas schlampigen Freizeitkleidung auf wie ein bunter Hund. Gleich kam ein älterer Kofferträger auf mich zu und fragte mich, was ich hier wolle. Ich erklärte ihm, dass ich die Autovermietung suchte, woraufhin er sich erleichtert meinen Trolley schnappte und mich auf kürzestem Wege aus der Lobby entfernte.

Mein Mietauto ist ein silberner Clio, der eigentlich recht angenehm fährt, aber ein bisschen schwach auf der Brust ist.
Die Fahrt aus Warschau heraus hatte ich mir schlimmer vorgestellt. Von gelegentlichen Attacken alter Lastwagen, denen ich mit meinen 80km/h in der Stadt zu langsam war, abgesehen, konnte ich mich glaube ich ganz gut als Einheimische tarnen.
Ob ich die Autovermietung allerdings jemals wieder finde?

Aus Warschau heraus ging es zunächst auf die große B2, die mit ihren tiefen Spurrillen und verrückten LKW-Fahrern überhaupt keinen Spaß machte.
Dann über Siedlce (sehr hübscher Ort) und Losice nach Hajnówka. Die Landstraßen waren in relativ gutem Zustand, so dass man auch mal einen Blick auf die Gegend riskieren konnte: schön.
Die bunten Holzhäuser aus dieser Gegend versetzten mich in helle Begeisterung. Sehen aus wie aus dem Bilderbuch.
Und unter dem Stichwort „Lebensraum Wiese“ konnte ich mir bisher auch nichts vorstellen, hier aber erfasse ich die Bedeutung in ganzer Tragweite: was für schöne, bunte, vielseitig bewachsene Flächen! Hin und wieder steht mal eine angebundene Kuh drauf und schaut gelangweilt in der Gegend herum.
Die Wälder sind auch toll und stehen überwiegend auf festem Sandboden. Hier müsste man Sulky fahren.
Hajnówka ist ein sehr schöner Ort. Den Prachtbauten nach zu schließen, haben sich hier viele Neureiche angesiedelt.

Bialowieza war ausgeschildert. Durch dichten Wald ging es noch mal fast 20km bis in den Ort. Dort fand sich direkt an der Straße ein Schild Richtung Campingplatz – sehr gut, ich hätte keinen Meter mehr weiterfahren wollen.
Ich schaffte es gerade noch, das Zelt aufzubauen und die sanitären Einrichtungen (prima) zu inspizieren, bevor ich dem dringenden Bedürfnis nach einer Mütze voll Mittagsschlaf nachgeben musste.

Jetzt sitze ich hier, habe vorhin Nudeln mit toskanischer Tomatensauce aus dem Glas (die ist zwar nicht wirklich landestypisch, aber ich hatte kein Nerv, eine Sauce mit nicht erkennbarem Inhalt zu kaufen, und die Beschreibungen sagen mir ja nix) gegessen und fühle mich einfach nur wohl. Das Wetter ist herrlich, der Platz ist herrlich, die Gegend ist herrlich.

Habe seit vorhin ein französisches Ehepaar mit Zelt als direkte Nachbarn und der Platzwart war in der Zwischenzeit auch da.
Er blickte kurz zum Clio-Nummernschild, redete mich auf polnisch an, worauf ich elegant mit „Sorry, I’m German“ reagierte und er daraufhin so verwundert war, dass er mich fragen musste, ob ich denn auch Deutsch spräche.

Just in diesem Moment habe ich einen weiteren Verbündeten gegen die holländische Übermacht gefunden: ein offensichtliches Rentnerehepaar aus MQ. Zumindest steht auf ihrem gelben T2 mit Hochdach groß „Rentnerlaube“.
Der Platzwart hat mich gerade eben gefragt, ob ich morgen einer Führung durch den Nationalpark beiwohnen will – klar will ich!

Später am gleichen Abend:
MQ ist dem Dialekt nach zu urteilen in Dunkeldeutschland.
Nichtsdestotrotz sind die beiden recht nett und werden morgen auch mit-„wandern“.
War vorhin Richtung Ortskern spazieren, hab aber unterwegs aufgegeben, ist ein bisschen zu weit zum Laufen. Denke, ich werde morgen früh vor der Tour eben schnell mit dem Clio rüberfahren, denn ich habe außer Schokoriegeln noch nichts zum Frühstücken.
Das Duschen war gut, Wasser warm. Kam aus der Dusche und musste feststellen, dass der Platz jetzt fest in französischer Hand ist. Die Franzmänner freut’s: sie stehen überall in Kleingruppen zusammen und man beschallen alles mit ihrem französischen Verbalrülpser „ööööh“.
Die neben mir beteiligen sich allerdings nicht an den Unterhaltungen und scheinen auch sonst nicht besonders helle zu sein. Konversationsversuchen meinerseits waren sie nicht zugetan.
 
 
2.8.
Was für ein tolles Wetter!
Heute morgen haben wir mit unserem einheimischen Führer Tadeusz eine Tour durch den Bialowieza-Nationalpark gemacht.
Der Rundweg dauerte über 3h – für 6km – was nicht nur daran lag, dass Tadeusz ein greisenhaftes Tempo vorgab, sondern auch daran, dass er seinem Job sehr gewissenhaft nachging und jede Pflanze mindestens zweimal erklärte.
Das größte Tier, das wir zu Gesicht bekamen, war ein schwarzes Eichhörnchen.
Außerdem gesehen: drei Mäuse, zwei Frösche, einen Zaunkönig, zwei Kleiber und drei Neuntöter.
Die Holländer konnten mit dem Begriff „Neuntöter“ nichts anfangen.

Danach war ich mit meinen neuen sachsen-anhaltinischen Freunden Sigi und Udo, die ich gestern noch liebevoll als „Dunkeldeutsche“ titulieren musste, im Palast-Park.
Sigi ist nicht unbedingt das, was man sich unter einer liebenswerten Frau vorstellt. Nicht, nur, dass sie den Ausruf Tadeusz’ im Wald „Da, eine Maus!“ mit einem dumpfen „Des is ne Krööde!“ (es war ein Frosch) beantwortete; nein, sie redet mit den Einheimischen wie mit Volldeppen.
So befragte sie Tadeusz ausgiebig nach seinen Erfahrungen mit Wölfen aus, was dieser immer wieder mit dem Satz, er habe erst dreimal einen Wolf gesehen, und dann immer nur ganz kurz, zu beantworten versuchte.
Sigis wahre Intention war jedoch, etwas über diese blutrünstigen, gefährlichen Tiere herauszufinden, wie es auch in der Bild-Zeitung stehen könnte:
„Kommen die Wölfe im Winter ins Dorf?“
„Nein, ich habe iberhaupt erst dreimal einen Wolf gesehen.“
„Achso, du lebst also im Winter nicht hier?“ (welch scharfsinnige Folgerung!)
„Doch, seit 1970.“
„Aber die Wölfe kommen doch im Winter ins Dorf?“
„Nein, ich habe iberhaupt erst dreimal einen Wolf gesehen.“
„Ja und da haben die nicht angegriffen?“
Deutsche können so peinlich sein.

Meine französischen Nachbarn können doch sprechen!
Nachdem bis heute Mittag die einzigen Lautäußerungen beider in seinem aufdringlichen Schnarchen bestanden und die beiden mir morgens nicht mal auf mein fröhlich geschmettertes „Bonjour!“ antworteten, hatte ich schon daran gezweifelt.
Als ich allerdings heute Mittag von der Wanderung wiederkam, fragte Frau Franzos mich, ob ich Englisch spräche, und seitdem haben die beiden mich offenbar zu ihrer persönlichen Retterin auserkoren. Ich musste nämlich vorhin zwischen dem Platzwart und ihnen hin- und herübersetzen, was umso schwieriger wurde, als deren Englisch einer mittleren Katastrophe gleichkommt.
So versuchte ich, ihr klarzumachen, dass sie ja französisch reden könnte und ich würde dann auf englisch antworten (denn so weit, dass ich jetzt auch noch in meinem Französisch-Aktivwortschatz rumkrame, geht die Nächstenliebe denn doch nicht), aber sie haben leider nicht begriffen, was ich meinte.
Jetzt sind sie gerade unterwegs Richtung Palast-Park, um sich für morgen einen französischsprechenden Führer zu suchen – good Luck!

Gerade eben war ich in Hajnówka und habe eingekauft und war auf dem Friedhof spazieren.
Der Friedhof war anders als alle, die ich bisher gesehen habe. Statt Pflanzen hat man hier Grabplatten auf den Gräbern, bei Familiengräbern für jede Person eine – und klein sind die Dinger nicht.
Was das für Steine sind! Marmor und Granite, blankpoliert und sauber geputzt, und kein Billigkram – habe u.a. Padang und StarGalaxy gesehen.
Möchte nicht wissen, was eine Beerdigung hier kostet! – aber Sterbegeldversicherung sind hier sicher eine gute Einkommensquelle.

Später am gleichen Abend
Die paradiesische Ruhe ist perdu. Gegen 18h traf eine Horde Italiener mit Womos samt Bambini ein. Im Moment geht es aber noch.
Die Franzosen schweigen wieder. Einzig beim Essenauftischen gab Frau Franzos ein aufgeregtes „C’est bon, c’est bon“ von sich.
Im Zelt gegenüber schläft ein junger Holländer aus einer Stadt zwischen Arnheim und Utrecht, deren Namen ich mir nicht merken konnte. 1500km Heimweg liegen vor ihm und weil er das nicht an einem Tag schafft, macht er Station in Berlin – weil er da noch nie war. Ich war auch noch nie in Berlin, aber in Arnheim – was den Holländer schwerst irritiert hat. Ich glaube, für eine Deutsche ist der Umstand, noch nie die Hauptstadt gesehen zu haben, ein großer Makel.

Der Platzwart war vorhin da. Ich habe ihm beim Ausfüllen eines Formulares, das ihn wohl in einen holländischen Campingführer bringen wird, geholfen. Er ist ein netter Kerl und spricht nicht nur viele Sprachen (die ihm aber, da Englisch, Französisch, Holländisch und Italienisch nicht dazugehören, nicht viel bringen), sondern ist auch schon viel in der Welt herumgekommen, was in ihm den Leitsatz heranreifen ließ: „Mein Campingplatz soll so sauber sein wie Japan!“.
Er meinte, die Touristen seien samt und sonders überrascht, wie sauber und ordentlich alles sei. Dabei sei ein Leben in ärmeren, bäuerlichen Verhältnissen doch nicht gleichzusetzen mit einem Leben wie bei Hempels (wobei er sich etwas anders ausdrückte, da er die Hempels vermutlich nicht kennt).
Es ist mir fast peinlich, das gleiche gedacht zu haben wie alle anderen. Zu meiner Entschuldigung habe ich Folgendes vorzubringen: mein Vor-Urteil wurde maßgeblich genährt vom ADAC-Campingführer, der die Situation hier allerdings absolut unzureichend beschreibt.
Polen ist nicht rückständig! Es gibt in Hajnówka sogar einen Kaufpark!
Die Polen, mit denen ich bisher zu tun hatte, waren mit Ausnahme der Autovermietungs-Trulla sehr freundlich, hilfsbereit und zuvorkommend. Die Holzhäuser mit blühenden Vorgärten wunderschön, bunt angemalt, sehr gepflegt. Man merkt ihnen an, dass sie liebgehabt werden.
Ebenso das Viehzeugs: die Kutschpferde, die im Bialowieza-Park arbeiten, haben einen ordentlichen beschlag, passendes Geschirr, sind gut im Futter und schauen fröhlich aus der Wäsche.
Im Dorf laufen viele Hunde frei herum, die aber auch nicht den Eindruck geprügelter, herrenloser Kreaturen machen. Sie kennen sogar sehr gut die StVO, die da besagt: „Autofahrer-Erschrecken ist nur bei Touristen gut, ansonsten guck lieber vorsichtig, bevor du die Straße überquerst.“
Glücklicherweise habe ich ein Warschauer Kennzeichen am Clio, so dass die Tiere immer artig warten, bis ich vorbei bin.

Morgen werde ich hier abhauen und mich auf den Weg gen Norden machen. Vorher schaue ich noch in der Nationalpark-Information, ob die dort einen Stempel für mein Büchlein haben. Das hab ich nämlich bisher vergessen.
Jetzt muss ich noch spülen und dann ins Zelt, die Mücken sind sehr aufdringlich. Obwohl mich ein zarter Hauch von Autan umgibt, dass mir selbst bald schwindelig wird. Ein Gutes hat das Ungeziefer: die Italiener verstecken sich in ihren Womos und sind leise.
 
 
 3.8.
Das Highlight des Tages waren die Störche, die ich gesehen habe. Die fühlen sich auf den schönen bunten Wiesen wohl recht wohl.
Der Rest des Tages war eher zu vernachlässigen.
Meine Route führte zunächst nach Bialystok, allerdings nicht bis in die Stadt, weil ich vorher auf eine falsche Landstraße abgebogen bin. Auf Umkehr hatte ich keine Lust, also suchte ich nach einer Querverbindung zu meiner eigentlich angepeilten Landstraße. Die fand ich auch, und an dieser Straße entlang sollten sogar zwei Windmühlen stehen. Habe eifrig Ausschau gehalten, aber leider nix windmühlenartiges gesehen.
Dann ging es also nach Elk. Dort sollte es laut Karte zwei Campingplätze haben. Fand ich auch gut, denn ich war vom Landstraßenfahren schon wieder müde.
War aber nix. Aber in so ner dämlichen Gegend wär ich auch so nicht geblieben.
Weil ich schon gerade auf einer Straße Richtung Osten war, entschied ich mich, bei dieser Richtung zu bleiben. Ein grober Fehler, wie sich mittlerweile herausgestellt hat.
Ich bin in Stary Folwark, einem kleinen Ort östlich von Suwalki, der in der Karte als sehenswert bezeichnet ist. Warum, hat sich mir allerdings noch nicht erschlossen.
 
Mein Campingplatz ist nach einer Auswahl aus Kuhweide mit Dixi (=Agrotourismus, mein neues Lieblingswort für diesen Urlaub), Wiesenparkplatz mit WC und sauberer Dusche (warum bloß bin ich nicht dageblieben?!), Barackenansammlung mit kleiner Wiese direkt am See, allerdings besetzt mit zweifelhaftem Publikum (der Parkplatz wär echt toll gewesen) und schäbiger Wiese mit Baumbestand und absolut ekelerregenden Klobaracken leider letzterer geworden, einfach weil ich kein Nerv hatte, zu dem kleinen Parkplatz zurückzufahren.
Dabei wollte ich heute eigentlich duschen – aber das geht noch einen Tag so.
Die Zeltnachbarn sind allesamt nicht nach meinem Geschmack. Sie hören seit über zwei Stunden laut Radio. Und wenn ich mir die so angucke, glaube ich nicht, dass das heute nochmal aufhört.
Die Übernachtung hier kostet übrigens nur 6Zloty! Ich hätte für einen so netten Platz wie den letzten gerne das Vierfache ausgegeben.
Habe heute den gesamten Tag schon Kopfweh. Heute war es warm und bedeckt. Fieses Wetter. Sehr aufdringliche Mücken.
 
Der Boden vom King Fisher (mein Zelt) hat, wie ich vorhin beim bzw. vor dem Nickerchen gesehen habe, mindestens zwei schadhafte Stellen, die mir heute morgen nocht nicht aufgefallen sind. Beschädigungsursachen fallen mir keine ein. Echt doof.
 
Die Gegend hier ist mit ohne Kopfweh und besserem Wetter und ohne lärmende Nachbarn bestimmt gar nicht so schlecht. Ich glaube, ich werde trotzdem nie wieder hierherkommen.
 
Morgen geht es auf gen Westen. Und zwar zügig!
 
 
4.8.
Die Nacht war wider Erwarten sehr ruhig. Habe gut geschlafen und die Welt sieht heute schon etwas besser aus. Aufs Klohäuschen trifft diese veränderte Wahrnehmung allerdings nicht zu.
 
Habe mir den Kopf gewaschen. An einem Waschbecken, das übersät war mit Fliegenleichen, und warmes Wasser gab es auch nicht. Es muss eine Eingebung gewesen sein, dass ich mir die Haare noch vor dem Urlaub habe abschneiden lassen. Gleich müsste ich wohl mal aufs Klo, bisher konnte ich mich allerdings nicht überwinden.
Meine fast ausschließlich polnischen Platznachbarn haben überwiegend teure Zelte.
 
später am gleichen Tag
Der Weg weg von Stary Folwark war sehr beschwingt. Auf den Wiesen am Rand der Straße standen wieder mal Störche – ziemlich viele sogar.
Zunächst war ich mal wieder im Kaufland einkaufen. Auf dem Parkplatz sprach mich eine junge Frau an, die scheinbar irgendwas von mir wissen wollte. Das einzige, das ich verstanden habe, war jedoch, dass sie mich als Frau erkannt hatte. Wäre echt gut, ein bisschen Polnisch zu können.
Auf der Straße Richtung Goldap bog ich ab auf eine kleine Landstraße gen Grabowo. Am Rand stand ein junger Bursche, der den Daumen raushielt, aber kein Englisch konnte. Nach endlosen Hand-und-Fuß-Diskussionen mit Zuhilfenahme der Karte stellte sich heraus, dass er einfach nur geradeaus wollte bis ins nächste Dorf. Hätten wir uns das Gerede eigentlich sparen können, denn es ging bis ins nächste Dorf eh nur geradeaus. Er war sehr erfreut, dass ich ihm einen kilometerlangen Marsch erspart habe.
 
Das erinnert mich gerade an zwei Tramper von gestern, die auch an einer Straße standen, auf der ich noch lange Zeit geradeaus musste. Ich konnte mir allerdings nicht vorstellen, wie ich die zwei Mann und Gepäck dans la Clio unterbringen sollte, also fuhr ich vorbei. Im selben Moment sah ich aus dem Augenwinkel, dass der Kerls echt traurig waren, nun laufen zu müssen, denn mir folgte kein anderes Fahrzeug.
Ich fuhr so grübelnd vor mich hin, machte ein paar km weiter eine kleine Rast in einem Waldstück, bei der mal wieder einen Vanillequark dran glauben musste, tankte ein bisschen Sonne für die Weiterfahrt und fürs Gemüt, und als ich wieder auf der Hauptstraße war, standen wenige km weiter schon wieder zwei berucksackte Burschen am Straßenrand. Hoppla, hier gibt’s aber viele Tramper! Und die sehen sich auch noch alle so ähnlich!
Dass es sogar dieselben Kerle wie eben gewesen waren, merkte ich in dem Moment, als ich weiterfuhr, denn noch immer hätte ich nicht gewusst, wie ich diese Riesenkerle mit ihren Riesenrucksäcken in meinem kleinen Auto verstauen sollte. In diesem Moment jedenfalls machte nämlich einer der beiden wieder so ein verzweifeltes Gesicht.
Na, ein bisschen Ausdauer muss man als Tramper aber schon mitbringen, wo bleibt denn sonst der Spaß? Außerdem schien ihr bisheriges Reisetempo ja nicht eben langsam gewesen zu sein.
 
In Grabowo bog ich ab gen Süden und fuhr über eine sehr malerische kleine Straße durch den Wald. Der Asphalt wurde buckliger und buckliger, und bald darauf stand ich an einer T-Kreuzung vor der Entscheidung: Alptraum-Schotterpiste nach links oder Alptraum-Schotterpiste nach rechts?
Ich entschied mich für „links“, da mir mein eingebauter Kompass das so eingab, und hoffte inständig, er würde sich nicht irren – die Karte stimmte nämlich mal wieder nicht.
In tiefer Dankbarkeit für die Tatsache, dass la Clio nicht mein eigenes Auto ist, fuhr ich also nicht ganz gemächlich über die Straße, dabei hin und wieder mit dem Kopf sachte unterm Dach anstoßend, aber so schlimm war es gar nicht – zumindest nicht für mich. Und wann la Clio in sehr absehbarer Zeit neue Stoßdämpfer braucht, heißt das eben auch nur, dass die Franzosen keine Autos bauen können.
 
In Gizycko gefiel es mir nicht. Also weiter Richtung Ketrzyn. Kurz vor Ortseinfahrt stand ein Schild an der Straße: „Mauerwald – 3D-Bunker“. Konnte mir nicht so recht vorstellen, was das für ein Quatsch sein sollte, also fuhr ich weiter und durch Ketrzyn hindurch und drumherum, wobei ich an einer Baustelle mitten auf der Straße und mitten im Ort an ein Loch geriet, dass la Clio fast mittigen Bodenkontakt gehabt hätte.
Bei einer kurzen Pause blätterte ich im Campingführer und las von einem Campingplatz am See Talty, der wohl eine „gehobene Sanitärausstattung“ hatte. Das hört sich spießig an und ist mir dementsprechend hochwillkommen.
Ich beschließe also, umzukehren, dann vor Gizycko abzubiegen Richtung Ryn und dann in Mikolajki auf den Spießercampingplatz zu fahren.
 
Auf dem Rückweg komme ich wieder an dem Schild vorbei, auf dem „Mauerwald“ steht. Darunter ist ein heulender Wolfskopf abgebildet, das Wort „Wolfsschanze“ und „Hitlera“. Alles klar, machen wir einen auf Touristin und gucken uns die historische Stätte mal an.
In der Schlange vor mir steht ein Auto mit Berliner Kennzeichen. Auch, als wir parken, sind sie noch in unmittelbarer Nähe zu mir.
Kontaktsuchend rufe ich ihnen zu:
“Hallo! Entschuldigen Sie, ham Sie ne Ahnung, wo es hier langgeht?“ – denn wohin man vom Parkplatz aus laufen soll, ist mir nicht ersichtlich.
Der Berliner starrt mich an, hält kurz inne und guckt wieder weg. Was ist denn jetzt los?
„Hallo, können Sie mich verstehen?“
Natürlich können die das, ich hab sie gerade selbst Deutsch reden gehört, also verstehen die auch mich.
Wieder keine Reaktion.
„Sprechen Sie Deutsch?“
„Natürlich sprechen wir Deutsch!“ ruft die Frau. Na, das hat aber lange gedauert. Komisches Benehmen.
„Ah, und, ham Sie ne Ahnung, wo es hier langgeht?“
„Nein, wir sind zum ersten Mal hier. (Pause, guckt mich an) Aber Sie, Sie sprechen echt gut Deutsch!“
dreht sich um und geht.
Ich bin etwas verdutzt und rufe ein „Dankeschön!“ hinterher.
 
Der Rundgang durch die Bunkeranlage ist interessant.
Habe gerade neulich noch gelesen, was für eine Unmenge an Menschenleben es gerettet hätte, wenn das Attentat geglückt wäre. So hat es nur den Stauffenberg und seinen Hiwi den Kopf gekostet.
Die Bunker sind ziemlich kaputt und überwuchert nicht nur von Moosen, sonder auch allerhand Kulturfolgern bis hin zu kleinen Birken und Fichten. Fast wie bei uns im Landschaftspark, nur ist der Erfolg der Gewächse hier schon deutlicher zu sehen.
An jeder Bunkerruine steht in Polnisch, Russische, Deutsch und Englisch geschrieben, dass die Bunker nicht betreten werden dürfen, da sie einsturzgefährdet sind.
Analog den johlenden Besuchermassen in den Bunkern konstatiere ich: 95% der anwesenden Polen können entweder kein Polnisch oder nicht lesen.
Zumal die Bunker von innen stinklangweilig und vor allem stockdunkel sind (ja, auch mich verließen meine Fähigkeiten zum Erkennen der deutschen Schriftsprache kurzfristig, obwohl ich ausgezeichnet Deutsch kann, wenn ich den Berlinern Glauben schenken darf).
Allein: das erhabene Gefühl, an einem historischen Ort gewesen zu sein, stellt sich bei mir nicht ein. Wieder mal als Banause geoutet.
 
Mikolajki gefällt mir vom ersten Durchfahren her ganz gut. Heute nachmittag hatte ich allerdings keine Lust mehr auf eine Stadtbesichtigung. Morgen ist leider Sonntag. Ich werde zwar trotzdem gucken gehen, aber ich habe die Befürchtung, dass sich die Einkaufsmöglichkeiten morgen in Grenzen halten werden.
Der Campingplatz hat in der Tat eine sehr schöne Sanitärausstattung. Und er ist teuer: 34Zloty pro Nacht. Ich musste für Auto, Zelt und mich jeweils extra bezahlen.
Spießer sind hier auch tatsächlich außer mir noch viele. Mit gelben Nummernschildern und fahrbaren Hütten. Und Ossis sind hier, noch und nöcher. Die haben ja auch nicht so eine weite Anreise.
 
Habe heute morgen eine Flasche Bier gekauft, die jetzt schon fast leer ist. Hab sie nach Etikett ausgesucht, denn Bierflaschen aus der Fremde wandern ja zuhause auf den Küchenschrank.
Bei genauerem Hinsehen kam mir der Schriftzug allerdings recht unpolnisch vor: „Dog in the fog – Extra Smooth“. Na prima, typisches Polenbier also. Aber sehr lecker!
 
 
5.8.
Habe fast 12 Stunden geschlafen.
Gestern abend war das Wetter schottisch, trotzdem habe ich noch einen kurzen Spaziergang durchs Dorf gemacht, habe mir dabei auf der Hauptstraße fast an den Schlaglöchern die Haxen gebrochen und mich am Seeufer vom Wind durchpusten lassen.
Habe neue Nachbarn: eine Züricher Familie mit Womo, das sie gestern abend um 21:30h noch hochdramatisch und hochgeräuschvoll umparken mussten.
 
Gerade eben gefrühstückt, jetzt warte ich darauf, dass die Duschen freiwerden. Danach werde ich mal gucken, was die Gegend so an Sehenswürdigkeiten bietet.
 
später am Abend
Das Wetter wurde im Verlauf des Tages besser und es sieht fast so aus, als könne es morgen richtig schön werden – prima, wo ich doch morgen weite Teile des Tages im Auto verbringen werde.
Habe mir morgens echt Zeit gelassen, gemütlich geduscht, das letzte Buch ausgelesen und bin dann losgefahren auf einer malerischen Straße Richtung Krutyn.
Krutyn ist ein echter Touristenort, der offenbar hauptsächlich von der Paddelbootvermietung lebt. Und vom Bunzlauer-Verkauf. Es hatte einige Stände mit tollen Sachen.
Bevor ich aber der Lust am Geldausgeben frönte, war ich in einem kleinen Restaurant lecker essen. Freute mich sehr über die niedrigen Preise, um dann beim Bezahlen festzustellen, dass am Ende noch die Mehrwertsteuer draufgeschlagen wurde.
Als ich aus dem Restaurant trat, war die Verkäuferin am Bunzlauer-Stand leider unauffindbar weg. Nun gut, dann gehe ich eben woanders gucken.
 
Auf dem Marktplatz wurde ich abgefangen von einem jungen Polen, der mit eine Keramik zweier kopulierender Frösche zeigte und dabei laut „Balla balla!“ rief. Ansonsten hatte er an seinem Stand nicht viel zu bieten. Habe eine Tasse mit Sonnenblumenmuster gekauft, für die ich mit Sicherheit einen totalen Touristenpreis bezahlt habe.
Etwas angefressen machte ich mich auf den Rückweg. Bevor ich allerdings wieder nach Mikolajki zurückfahren wollte, bog ich noch auf eine kleine Straße Richtung Kadzidlowo ein. Was es da geben sollte, wusste ich zwar nicht mehr, aber ich hatte es mir am Vormittag in der Karte angemarkert.
Die Anfahrt war echt beschwerlich, und wieder einmal war ich froh, dass la Clio nicht mein Auto ist.
Die Menschenmassen, die bald darauf die Straße versperrten, beunruhigten mich dann aber doch. Gleich darauf sah ich den Urheber: ein Gehege mit Hirschen, kleinen Ziegenartigen und – natürlich – Störchen.
Manchmal übertreiben es die Touristen aber doch etwas mit ihrer Sensationsgier, was an diesem Viehzeug rechtfertigt einen derartigen Menschenauflauf?
Nun war ich aber schonmal da und wollte mir dann wenigstens auch kurz die Beine vertreten. Allein, das Auto loszuwerden, gestaltete sich als schwierig. Wobei: einem gängigen deutschen Vorurteil zufolge dürfte das in Polen noch das geringste Problem darstellen.
Kurzgesagt: die Fahrerei auf den drei Parkplätzen entfachte aus meiner eh schon schwelenden Angefressenheit eine lodernde Wut. Wie kann man nur so dämlich sein, in Engstellen einzufahren, wenn man sieht, dass schon ein Entgegenkommender darin steht? Vor meinem inneren Ohr hörte ich etwas knirschen, ich wusste bloß nicht, ob es berstendes Blech oder eingeschlagene Schädel sein würden.
Vollends sauer wendete ich auf dem letzten Parkplatz und machte mich zähneknirschend (womöglich war das das unschöne Geräusch gewesen?) wieder an die Arbeit, von diesem blöden Parkplatz wegzukommen.
 
In Mikolajki angekommen, war ich immer noch übellaunig. Nach erfolgreicher Parkplatzsuche stürzte ich mich gleich ins Touristengetümmel (nix Sonntag… in Polen gibt es keine Ladenschlussgesetze, wie ich mittlerweile weiß), dem man allerorten versuchte, Bernsteinkram anzudrehen.
Menschenmassen sind von jeher abgeneigt, meine Laune zu heben, also gab ich es nach kurzer Zeit auf und machte mich wieder auf den Weg gen Campingplatz.
Dort angekommen gab es eine freudige Überraschung: meine neuen Nachbarn sind Dürener mit einem fetten Allrad-Womo, das passenderweise auf den Namen „Dust-Devil“ hört.
Die beiden waren mit ihrem Gefährt schon quer um den Globus, u.a. in USA und Kanada und auch in der Sahara.
Auf mein ungläubiges „DER war mit in Amerika?“ kam ein leichtherziges „Ja, ist doch nicht so teuer, nur 1500€ mit dem Schiff.“.
Im weiteren Gesprächsverlauf regte sich die Dame von Welt dann tierisch darüber auf, dass ihr Gefährt nicht mehr als LKW, sondern als Womo laufen müsste und sich deshalb die jährliche Steuer von 150 auf 360€ erhöht habe. Die Leute tun mit leid.
Auch leid tut mir ein Ehepaar aus FN mit einem T4, das sage und schreibe drei Stunden für den Aufbau ihres Vorzelt benötigte. Ihr Bus ist heute bei einer Landstraßenfahrt sanft in ein Schlagloch eingedippt, nun haben sie eine große Beule in der vorderen Stoßstange.
 
Meine bemitleidenswerten Nachbarn mit dem Allrad-Womo bauen sich gerade einen Fliegengitter-Pavillon auf und schauen zwischendurch immer, ob auch alle gucken. Pah! Angeber. Sieht man doch auf jedem CEI, die Teile. Wobei mir gerade einfällt: die Welt ist doch ein Dorf. Die beiden kennen sogar Kyra Gülden (wie wir auf die gekommen sind, ist allerdings ne sehr lange Geschichte).
 
Morgen geht’s nach Warschau. Mal schauen, wie der Campingplatz dort ist.
 
 
6.8.
Die heutige Fahrt war sehr nervig.
Morgens war noch ziemlich schlechtes Wetter. Dies und der Umstand, dass man an der wunderschönen Landstraße gen Süden nicht anhalten konnte, bewirkten, dass es vom heutigen Tag leider keine Fotos gibt – obwohl ich heute in ner echten Postkartengegend war.
Dennoch merke ich mit jedem Tag, wie mir die Berge fehlen – wenn ich schon zuhause im Flachland leben muss, will ich es nicht auch noch im Urlaub flach haben. Wusste zwar vorher, dass der Nordosten Polens bestenfalls als hügelig zu bezeichnen ist, aber dass mich dieser Umstand so stören würde, wusste ich nicht.
Die letzten 120km vor Warschau begannen ätzend: ich bog auf eine mit starken Spurrillen ausgestattete Landstraße ein, auf der große litauische LKWs Rennen fuhren. Überflüssig zu erwähnen, dass die Straße je Fahrtrichtung nur eine Spur hatte!
La Clio habe ich heute mit 27l Benzin gefüllt. Zuletzt getankt hatte ich über 600km zuvor – also wahrlich kein Säufer, der Kleine.
Aber übel sieht er mittlerweile aus. Obwohl er silbern ist, sieht man den Straßendreck deutlich. Dabei müssten doch eigentlich helle Staubpartikel von den Landstraßen zusammen mit schwarzem Ruß aus teils mittelalterlichen Bussen und LKW eine relativ ähnliche Farbe ergeben?
Sei’s drum, ist ja nicht meiner (meiner wäre vor Fahrtantritt schon schmutzig gewesen).
 
Die Campingplatzsuche klappte eigentlich ganz gut. Markiere ja schon seit mehreren Tagen die zu fahrende Route mit dem Leuchtmarker (Trosser mit Leib und Seele) und fand mich dadurch auch durch warschau hindurch bzw. an Warschau vorbei recht gut zurecht. Einzig das genaue Auffinden des Platzes erwies sich als ein bisschen schwierig: anders als in Karte und Campingführer beschrieben, liegt er nicht direkt an der Straße und ist auch nicht gescheit ausgeschildert.
Aber offenbar war es zu schaffen, sonst wäre ich jetzt nicht hier: auf einer sehr gepflegten Wiese inmitten alter Pinien und weißen Schotterwegen. Auch das Wetter ist toll: blauer Himmel und angenehme Temperaturen. Einfach herrlich. Allerdings auch teuer: für Clio, Zelt und mich habe ich 45Zloty bezahlt.
Nach Zeltaufbau war ich gemütlich duschen und ließ mich dann in der Sonne nieder, um mein spätes Mittagessen/frühes Abendessen zu kochen.
Kaum hatte ich alles vorbereitet, das Wasser kochte, der Rest stand griffbereit daneben und ich saß bequem auf meinen Badeschlappen, da öffnete sich das Eingangstor und spuckte zwei holländische Wohnmobile auf den Platz.
Das an sich wäre nicht so schlimm gewesen, der Platz ist ja groß genug, wenn sich nicht der entschieden unsympathischere von beiden genau neben mich gestellt hätte. Ich wusste nicht, was ich schlimmer finden sollte: dass er mir in der Sonne stand? (Ich fühle mich beim Gedanken, mein einziges Unglück auf der Welt könnte es sein, dass mir jemand in der Sonne steht, sehr erhaben-philosophisch) – oder dass der Auspuff seines dümmlichen fahrbaren Untersatzes mir fortwährend schwarzen Ruß in den Kochtopf spuckte?
Damit nicht genug entpuppte sich der Inhalt seines Womos als kreischende Blagen plus kläffendem Köter.
Nachdem der gute Herr sich nach ungelogen 15 verschiedenen Stellplatzpositionen endlich bequemt hatte, seine Karre auszumachen, war das Essen schon verputzt und ich grenzenlos erleichtert.
 
Mittlerweile hat sich ergeben: die Holländer sprechen fast nicht mehr, und wenn, dann leise (böse gucken kann ich gut, und hier hat es endlich mal einen Vorteil, für eine Polin gehalten zu werden: es vermeidet Diskussionen). Auch die holländische Brut bemüht sich um eine gemäßigte Lautstärke und der Köter ist ein junger Rottweiler und hat sich mit einem Blick in mein Herz gestohlen.
So mag ich meine Nachbarn. Meine Ruhe geht mir über alles.
 
In der Campingplatz-Rezeption habe ich für 10Zloty eine Karte Warschaus im Maßstab 1:26000 erstanden. Es sind an jeder Kreuzung alle Ampeln eingezeichnet!
Mal schauen, was das wohl morgen gibt. Hoffentlich kriege ich das Auto irgendwo zentrumsnah untergebracht.
 
Als ich aus dem Rezeptionshäuschen kam, rollte gerade ein neuer Gast auf den Platz: ein Franzos mit einem wirklich großen Womo, schätze an die 8m.
Dachte gerade „boah, kann der gut fahren, nicht so wie der Holländer“, als ein sehr hässliches Geräusch die Stille zerriss. Erare humanum est. Wenigstens ist nix doll kaputtgegangen.
 
Erste Urlaubsbilanz:
-          Polen ist nicht überall schön
-          Polen ist nicht überall billig
-          die sanitären Anlagen der meisten Plätze übertrafen meine Erwartungen
-          für einen Fahrer alleine sind 300km/Tag auf den kaputten Landstraßen völlig ausreichend
-          die allermeisten Polen sind sehr nett
-          in den Urlaubsorten können alle ausreichend Englisch, weiter östlich allerdings nichts
-          Teller und Becher mitzunehmen, war überflüssig: die Barbarin frisst ausm Topf und säuft aus der Flasche
-          die Snow-Board-Jacke (ersetzbar durch jede andere wasserdichte warme Jacke) ist ein toller Urlaubsbegleiter: man kann drauf sitzen, sie draußen als Schlafunterlage benutzen, nachts ist sie mein Kopfkissen und bei schlechtem Wetter kann man sie sogar anziehen
-          polnische Autofahrer überholen wie die Bekloppten
-          an Zebrastreifen halten nur Loser und Ausländer an
 
 
 
7.8.
Ich sitze im Warschauer Hauptbahnhof und habe beschlossen, die nächsten 50min. bis der Zug kommt planlos herumzusitzen. Bin müde und es ist sehr warm. Den ganzen Tag in Warschau herumgelaufen und geguckt.
Dabei galt mein dringlichstes Ziel, eine Post zu finden, um mir einen Stempel abzuholen. Letztendlich habe ich auch eine gefunden. Die hatte dann leider schon seit zwei Stunden geschlossen.
Aber im Kulturpalast habe ich in einem Souvenirshop einen Stempel bekommen. Wie auch schon bei der Wolfsschanze – es scheint also normal zu sein, dass Touristen sich in Polen Stempel in Büchlein machen lassen.
 
Warschau – ich weiß nicht, ob ich die Stadt schön oder schrecklich finde. Überall wird gebaut und renoviert. Und das Verkehrsaufkommen ist bombastisch. Nun bin ich ja Gott sei Dank keine zartbesaitete Autofahrerin und fand mich dank des gestern gekauften Stadtplanes auch ganz zurecht.
Trotzdem ist das Autofahren in Warschau sehr nervig. Man muss ständig aufpassen, dass der Abstand zum Vordermann sich nicht auf mehr als Papierblattdicke vergrößert, ansonsten wird man nämlich von hinten angerempelt, bis der Abstand nach vorne wieder stimmt.
Außerdem sind die Warschauer Autofahrer noch egozentrischer als die Deutschen. Da kann man beim Spurwechselversuch freundlich blinkend versuchen in eine Lücke zu kommen, um irgendwann entnervt feststellen zu müssen, dass man sich am besten einen Vollkasko-Fahrstil zulegt, dabei im entscheidenen Moment die Augen zukneift und im blinden Gottvertrauen einfach losballert.
 
Interessant ist, wie sich hier alte und neue Architektur ergänzen. So steht zum Beispiel der Kulturpalast nebst Grünanlage inmitten von Hochhäusern und starkbefahrenen Straßen.
 
Am Bahnhof das richtige Gleis zu finden, war noch machbar. Allerdings suchte ich dann vergeblich nach einem Wagenstandanzeiger. In meiner Not sprach ich eine ältere Dame mit einer großen Reisetasche an, die zu meinem Glück sehr gut Deutsch spricht.
Sie erklärte mir, die Reihenfolge der Waggons würde per Lautsprecher durchgegeben. Auf meinen ungläubig-panischen Gesichtsausdruck hin fügte sie hinzu, sie habe Wagen Nr. 260.
Perfekt! Den habe ich auch, also werde ich mich strikt an das Mütterchen halten.
 
 
Gestern abend hat sich tatsächlich noch eine italienische Familie bestehend aus vier erwachsenen und drei Bambini direkt neben mich gestellt. Und das mir intolerantem und vor allem ruhebedachten Kauz!
Die Brut ist heute morgen um 7 Uhr aufgestanden und hat sogleich den ganzen Platz unterhalten. Mamma Italiana musste sogar ausgiebig das Womo saugen!
So kam es, dass ich mich etwas eher aufmachte als eigentlich gedacht.
 
Die Suche nach einem Outdoor-Laden, um mal zu gucken, ob Zelte hier günstiger sind als in Deutschland, war gar nicht mal so einfach:
-          Laden 1 hatte keine Zelte
-          Laden 2 only fiber glass
-          Laden 3 habe ich nicht gefunden
-          Laden 4 war sehr nett, aber das Wolfskin Liberty 1 kostete mehr als in Deutschland
-          naja, und eigentlich brauche ich auch nicht noch ein Zelt.
 
Danach war ich in Warschau im Stadtteil Mariensztat beim Italiener essen und habe ein tolles Pilz-Risotto, Tiramisu mit Erdbeersoßenklecksen am Tellerrand und ein Wasser für insgesamt 40,80 Zl zu mir genommen. Beim Bezahlen hab ich dann leider kurz das Hirn ausgeschaltet und äußerst großzügig auf 42 Zl aufgerundet – wie peinlich! Das kommt davon, wenn die Unterschiede zwischen zwei Währungen so groß sind. Die arme Kellnerin, die hält mich jetzt sicher für eine Geizkrägin.
 
Habe in einem American Bookstore ein Buch für die Heimfahrt gekauft, denn der Zug fährt ja schon um 18:35h los, da werde ich wohl nicht gleich schlafen. Die Kassiererinnen-Hirse konnte weder ein einziges Wort Englisch noch die Plastikgeld-Apparatur bedienen. Schlussendlich kam dann ein junger Mann aus dem naheliegenden Café und hat kassiert.
Nun kann ja nichts mehr schiefgehen. Hoffentlich habe ich nette Abteilnachbarn.
 
 
 
Nachtrag
Meine Abteilnachbarn waren nett.
Die ältere Dame ist vor 20 Jahren aus dem Bialystoker Umland nach Bochum umgesiedelt und vergaß zwischendurch in unseren angeregten Unterhaltungen immer, dass ich kein Polnisch kann. Scheinbar war sie durch die ständigen Wechsel zwischen den Sprachen etwas verwirrt und sprach mich dann häufig auf Polnisch an, ohne es zu merken. Jedoch hatte sie nach einiger Zeit raus, bei welchem meiner Gesichtsausdrücke sie sich in der Sprache vertan hatte.
Neben mir saß ein junger Krefelder, der 3 Jahre in Krakau studiert hatte. Außerdem befanden sich noch eine junge Polin aus Bialystok, die nur ein bisschen Deutsch konnte, und eine 25jährige Polin mit ihrer Mutter im Abteil. Bei beiden ging ich davon aus, dass sie kein Deutsch können, bis die jüngere mich auf einmal im breitesten Hessisch anredete. Nachdem ich meine Gesichtszüge wieder eingesammelt hatte, erzählte sie mir, dass sie zwar eigentlich gebürtige Polin sei, aber seit Kleinkindalter in Mittelhessen lebe, woraufhin ich ihr verdattert das schöne Kompliment machte, das könne sie auch nur schwerlich verleugnen.
Gegen 23h begannen alle eifrig mit dem Bettenbau, und nachdem unsere Mitfahrerinnen sich hingelegt hatten, gingen der Krefelder und ich noch in den polnischen Speisewagen und begossen das Ende unserer Polen-Aufenthalte, wobei der seinige entschieden länger gedauert hatte und er daher auch gute Einblicke in die polnische Braukunst erhalten hatte, bei ein paar Dosen Bier.
 
Morgens in Duisburg angekommen, wurden wir in der hochtechnisierten deutschen Industriestadt direkt von einem kaputten Bahnsteigsaufzug begrüßt.
Endlich wieder daheim!
 
Es dauerte bis zum Nachmittag, bis ich ein spontanes Sehnsuchtsgefühl nach der Unberührtheit Polens spürte. Dies hielt mich jedoch nicht davon ab, gleich darauf bei einer Fahrt über die A40 ein bewunderndes „Man, was für ein wunderschöner Straßenbelag!“ abzusondern.
Ich schmiede schon Urlaubspläne für das nächste Jahr – und habe mich für einen Polnischkurs angemeldet.

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