stuhroktober2005

15.10.2005 – eine lange, anstrengende und schöne, und schöne, anstrengende und lange Fahrt...

 

Alles hatte mit meiner glorreichen Idee angefangen, über die A31 zu fahren und nicht über die A1. Ich musste nämlich Freitagmorgen noch arbeiten und die A1 würde sicherlich zugestaut sein.

Aber egal. Im Vorfeld war sooo viel schiefgegangen, dann kann ja jetzt nichts mehr passieren, also: wacker, auf geht’s!

 

Leider kamen wir auf der A31 nur 25km weit, dann standen wir 14km im Stau und sind 15km Stoßstange an Stoßstange im Schritttempo über die Dörfer umgeleitet worden.

Danach war alles toll, ich rechnete mit Ankunft in Stuhr gegen 19:30 – leider war aber die B213 zwischen Lingen und Cloppenburg gesperrt und die Umleitung für Ortsunkundige nicht zu verstehen.

Im Endeffekt waren wir erst um 20:40 da. Schnell das Pony abgeladen und mit Pony in der Hand zur Meldestelle gelaufen, dort im Hof angebunden, gemeldet und sofort weiter zur Voruntersuchung. Das Pony konnte nach 5 Stunden im Hänger, davon mehrere auf der Landstraße, noch geradeaus laufen, im Gegensatz zu mir, die schon vor der Voruntersuchung reichlich Adrenalin im Blut hatte („oh nein, wir schaffens nicht mehr, die sind schon alle breit, wenn wir endlich ankommen!“).

 

Der Rest des Abends verlief eher in Nebel und Yvonnes Gulasch. Danach bin ich sofort tief und fest eingeschlafen – bis morgens um 4:25, ab da war die Nacht zu Ende und Füttern und Sulkyzusammenschrauben angesagt.

Glücklicherweise war schon abends kurz nach der Ankunft die Innenbeleuchtung des an sich sehr gepflegten und jungen Böckmann-Miethängers ausgefallen.

Ein Glück, dass ich Mutters Gaslampe eingepackt hatte! Die wurde dann an ein Strohbändsel gehängt (ein Hoch auf den Planenhänger, man hat immer Gestänge, um etwas dran festzuknoten) und beleuchtete meine Sulkyzusammenbastelei.

 

Ich bin denn doch pünktlich mit allem fertig geworden und so konnten wir uns ab 8:00 im Massenstart mit den Reitern auf den Weg machen.

Die ersten 7-8km kam ich mir vor wie beim Berlin-Marathon, es schob sich eine lange Reihe von Reitern auf nervigen Pferd über die Strecke, es war kein gescheites Vorwärtskommen möglich. Komisch, obwohl es gar nicht sooo viele Starter waren… aber es kam mir auf jeden Fall so vor.

Nach der Radarfalle entzerrte sich das Ganze jedoch ein wenig und wir konnten auf der ersten Runde entspannt weiter. Es war sehr kalt und sehr neblig; Yvonne hatte Probleme mit der Sicht, weil der Nebel auf ihrer Brille beschlug. Die Ponies jedoch liefen gut, meiner fühlte sich bei den Temperaturen sichtlich wohl und man brauchte noch nicht einmal zu kühlen, das Trossen also auf der ersten Runde vermutlich ein lauer Job.

Mir war nach 30km wirklich kalt, und so stieg ich ab und rannte das erste Mal nebenher – inklusive filmreifem Aufsprung auf den Sulky – im Trab.

Nach ein paar km war der Sand allerdings so tief, dass ich, obwohl noch etwas müde von der ersten Rennerei, wieder abstieg und lief… und das machte den Waden im Nachhinein richtig böse zu schaffen. Diesmal lies ich den Sprung auf den fahrenden Sulky sein, dazu war ich schon zu k.o. - in Gummistiefeln durch Sand rennen ist etwas anstrengend.

 

Zum Pauseneingang wurde bei den Ponies der Puls gemessen und wir mussten vortraben. Eine Untersuchung im weiteren Sinne gab es nicht. Was ich später noch erlebte, war, dass der Tierarzt den Puls maß, sich umdrehte, wegging und ich ihm hinterherrufen musste, ob er nicht noch beim Traben gucken würde. Komische Sache.

 

Nach einer halben Stunde machten wir uns frisch auf die 2. Runde, die auch die 4. sein würde. Leider. Denn die hatte ziemlich am Anfang richtig schlimm tiefen Sand (durch den wir mal wieder liefen…).

Ansonsten blieb es kalt und die Ponies liefen weiterhin rund und gut zusammen.

Es gab gerade auf dieser Runde ein paar schwierig zu fahrende Wiesenwege, bei denen ich unfallgebranntes Kind dann lieber abstieg und von hinten aufpasste, dass der Sulky nicht kippte. Yvonne ließ mir bei einer schrägen Wiesenabfahrt einmal das Herz in die Hose rutschen: ich wollte ihr gerade noch ein lautes „Neiiiin!“ zurufen, da hatte sie die Abfahrt schon überschlagsfrei überstanden. Puh. Da sieht man mal den Unterschied zwischen breiter Spur und tiefem Schwerpunkt und nicht so breiter Spur und nicht so tiefem Schwerpunkt.

Gegen Mitte der Runde wurde es wärmer und wir durchgefrorenen Fahrerlein räkelten uns auf den Sulkies und erfreuten uns des schönen Wetters.

Ende der 2. Runde mussten wir in einem Waldstück nochmal durch tiefen Sand, durch den wir wieder führten. Dann über die Siekstraße, es folgten noch mal 70-80m tiefer Sand und dann noch wenige hundert Meter bis zur Pause.

Erneut wurden die Ponies nicht wirklich untersucht. Zumindest nicht von den Tierärzten. Yvonne und ich schauten uns unsere Ponies schon gut an.

 

Zum Start der dritten Runde wurde es wirklich langsam warm, so dass auch als Anti-Pony-Gießerin endlich die Waschkanister ins Trosserauto packte.

Auch bei dieser Runde mussten wir anfangs durch das selbe tiefe Sandstück wie auf der 2. Runde. Und auch das liefen wir wieder. Danach war die Runde sehr schön (eine Verbindung aus der ersten und der zweiten Runde).

Bei etwa km 80 hatte ich auf einmal eine schwer depressive Phase: ich wusste, dass wir laut Karte zweimal über die Autobahn müssten, und dass das Stück dazwischen nicht so besonders groß war.

Und irgendwie ist es mir durchgegangen, dass wir das zweite Mal die Autobahn überquerten: ich hatte es schlichtweg nicht gemerkt. Dementsprechend verzweifelt war ich, als sich das Stück jenseits (wie ich zumindest dachte) der Autobahn zog und zog und zog… bis ich denn auch feststellte, dass wir die Bahn schon längst überquert hatten.

Es wurde wärmer und wärmer und meine Supi-Trosserin Claudia fand es doch ganze zwei Mal (!) angebracht, Vimpy zu kühlen (ich lasse nur kühlen, wenn er spürbar warm ist, sonst nie!).

Die Ponies liefen toll. Rasputin hatte einen Bären-Kohldampf, schnappte sich unterwegs Grasbüschel und belaubte Zweige ab, Vimpy wollte immer noch schneller, als er durfte – in der Ferne vor uns trabten nämlich mit stetig gleichem Abstand Ina und Orbit her, und hinter denen wollte Vimpy gerne her… vielleicht fand er Orbits Hintern so toll? Wer weiß…

 

Zum Abschluss dieser Runde ging es wieder durch das Waldstück mit dem tiefen Sand, und, ihr ahnt es, wir führten wieder.

Und wir stellten uns die Frage, die wir insgeheim schon den ganzen Tag begrübelten und deren Antwort wir schon den ganzen Tag vor uns herschoben.

„Es wird kalt und es wird dunkel“… ja, aber… die Ponies laufen so toll, die Gelegenheit passt,… und mir tun die Knochen noch gar nicht so weh!

 

In der Pause schaute ich mir das Pony gut an – es sah toll aus, es lief supergut, es hatte einen wachen Gesichtsausdruck und war die ganzen 90km bis hierher mit gespitzten Ohren gelaufen. Sollte ich? Oh weia. Wir würden in die Dunkelheit kommen, das war sehr sicher.

Kalt würde es nachts auch werden, das war auch sehr sicher (und es wurde wirklich sehr kalt!).

Andererseits lief er sooo toll… und es war noch gutes Wetter, das Gelände bis auf den stellenweise tiefen Sand so schön…

Als ich vom Paddockplatz zum Pausen-Startplatz fuhr und meine Checkkarte abholte, sah ich noch aus dem Augenwinkel, wie Yvonne mit ihrem angespannten Pony plötzlich auf dem Weg zum Startplatz wieder umkehrte. Weil ich Vimpy nicht irritieren wollte, fuhr ich trotzdem los – sie kam mir 3min. später, als ich gerade auf die Strecke aufbrechen wollte, mit dem abgeschirrten Pony entgegen und erklärte, aufzuhören.

In diesem Moment setzte mein Denken irgendwie aus. 90km mit den beiden und jetzt alleine weiter? Auf den ersten 120er? Oh nein!!! Das Pony will alleine bestimmt nicht laufen! Ich will nicht alleine im Dunkeln fahren! Was mache ich bloß?

 

Aber das Pony war unterdessen einfach weitergelaufen, und als ich zu mir kam, waren wir schon einige hundert Meter von der Pause entfernt.

Vor uns tauchte ein großer schwerer Warmblut-Fuchs auf. Es ging ein Ruck durchs Pony: da, Gesellschaft! Wir hatten ihn und seine Reiterin im Nu eingeholt. Die beiden hängten sich an uns dran und wir hatten eine schöne Zeit zusammen. Wir überholten noch einen Reiter mit einem großen braunen Warmblut, der interessanterweise nur Schritt und Galopp ging, aber das ist ja auch die Technik der ganz Großen im Distanzsport.

Im Weiteren erlebten wir eine schöne Zeit, der Warmblutreiter holte uns nach ein paar km in einer ausgedehnten Galopp-Phase wieder ein, dann überholten wir ihn wieder… und so weiter. Irgendwann blieben beide artig hinter mir und ließen das Pony mit gespitzten Ohren voranziehen.

Bei etwa km 105 entschied Suzan, die Reiterin des Fuchses, dass wir ihr zu schnell seien, und ließ sich zurückfallen. Der Warmblutreiter hatte in der Zwischenzeit mal wieder überholt, aber auch den hatte ich bald wieder eingeholt und ließ die beiden hinter mir.

Die schwierigen Wiesenwege lagen noch vor mir, und wenn ich eins wollte, dann diese Wege im Hellen schaffen. Deshalb hatte ich auch bisher soviel Gas gegeben.

Und das gelang mir auch.

 

Etwa 7-8km vor dem Ziel wurde es dann dunkel. Es begann schleichend, und auf einmal guckte ich von der Strecke auf die Karte und stellte fest, dass ich diese nicht mehr erkennen konnte. Glücklicherweise kannte das Pony den Weg.

„Meine“ Taschenlampe war mir nämlich beim Erkennen der Markierung keine große Hilfe, sie funzelte mehr so vor sich hin. Wenigstens beleuchtete sie mir den Weg unmittelbar vor den Rädern, also erfüllte sie ihren Zweck, und überhaupt schaut man einem geliehenen Gaul ja nicht ins Maul – meine eigene Taschenlampe hatte sich nämlich im Verlauf der Distanz aus dem Diesseits verabschiedet, die hatte ich generös der Taschenlampenforschung zur Verfügung gestellt und in ihre Einzelteile zerüttelt.

 

Langsam fuhren wir den letzten Wiesenweg entlang, ich stetig abwechselnd mit der Taschenlampe auf beide Seiten leuchtend, damit ich nirgendwo gegen führe. Dann ging es eine Weile über Asphalt, dort konnten wir wieder etwas schneller…

Und dann auf die lange Gerade vorbei an Groß Ippener, und es ward Nacht. Stockfinster. Am Ende des letzten Wiesenweges beschloss ich, zu laufen. Kurz darauf kamen wir in das Waldstück mit dem tiefen Sand. Dort standen die Bäume so dicht, dass man trotz Fastvollmond und sternenklarem Himmel rein gar nichts sah. Alles schwarz. Alles dunkel. Nur das Pony und ich, beide beseelt von dem Wunsch, heile anzukommen. Das war schon irgendwie ein Erlebnis. Auch wenn mir die Beine und Füße leicht abartig wehtaten (und es noch Tage später taten) und ich inständig hoffte, dass dem Pony seine Knochen nicht halb so weh täten wie mir meine.

An der Überquerung der Siekstraße packten Claudia und ich Vimpy in seine Abschwitzdecke, denn er fing langsam an, kühl zu werden. Abgetrocknet war er auch schon. So machten wir uns zu Fuß auf die letzten paar hundert Meter. 250m vor dem Ziel trabten dann auf einmal Suzan und der Warmblutreiter an uns vorbei.

Sobald wir festen Boden unter den Füßen hatten (der Sand beginnt schon 150m nach der Silberstern-Ranch) kletterte ich auch wieder auf den Sulky und trabte den beiden hinterher und ins Ziel.

Vimpy war immer noch gut drauf.

Vorgetrabt sind wir locker-lustig auf einen kleinen Schnalzer am losen Strick. Am Ende der Vortrabstrecke Pipipause (wenn man muss, dann muss man) und schwungvoll und locker wieder zurück.

Ich hatte die Tränen in den Augen. So schön.

Er war unterwegs nie unwillig, immer fleißig, kooperativ und wunderbar. Er lief locker vom Hocker und die ganze Zeit mit gespitzten Ohren, wollte den nächsten Hügel und hinter die nächste Kurve sehen und hatte – so rede ich es mir ein – auch seinen Spaß an dieser seltsamen Veranstaltung.


Die Nacht wurde sehr kalt. Um 4:20 ist meine Uhr stehengeblieben, und die war IM Auto. Nachdem ich sie um 7:30 wieder an den Arm und unter den Pullover gepackt hatte, lief sie anstandslos weiter – um diese Uhrzeit standen schon 2°C auf dem Thermometer.

 

Nächstes Jahr gibt’s im Oktober keine Langstrecke mehr, das ist mir doch ein wenig zu kalt gewesen, und wettertechnisch ist der Oktober zu risikobehaftet – man kann ja nicht jedes Jahr so ein Glück haben, wie wir es dieses Jahr hatten.

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